Ein Museum mit einer Geschichte @ Anne Frank Haus, Amsterdam

19. Februar 2016

„Ich muss hier raus!“ Das letzte mal, als mir so mulmig war, dürfte gewesen sein, als ich mich intensiver mit dem Anbau von Fleisch auseinandersetzte. Jetzt ging es nicht um Tiere. Sondern um Menschen. Richtige Menschen und eine wahre Geschichte. Ende Januar verschlug es mich in die niederländische Hauptstadt. Amsterdam besuchte ich vor einigen Jahren schon einmal und war nicht begeistert. Aber jeder hat bekanntlich eine zweite Chance verdient.

Prinsengracht 263. Mehr oder weniger spontan entschlossen wir uns doch dazu, das Anne Frank Museum zu besuchen. Hauptsache drinnen, Hauptsache warm und Hauptsache kein Regen mehr. Zum Glück hatte Petrus wirklich miese Laune und die Schlange vor dem Museum belief sich auf keine 60 Meter. Nach gut 30 Minuten des in der Kälte Wartens bekamen wir also schon unsere Karten. 9 Euro für Erwachsene. Kinder, Studenten und Co. zahlen weniger. Ich las zuvor von Storys, wo Menschen mehrere Stunden warteten um ins Museum zu kommen. Für alle Intelligenten unter euch, kauft euch also vorher Tickets online.

Fotos sind nicht erlaubt; da ich nicht Casey Neistat bin und obwohl es in den Fingern zuckte, hab ich mich bis auf eine Ausnahme daran gehalten.

isabella-blume-amsterdam-anne-frank-haus-museum-travelblogger-vegan

Der Weg führte uns zuerst ins Vorderhaus durch die Lager- und Büroräume von Otto Franks Firma (Annes Vater). Recht harmlos. In kurzen Filmen und Interviews lernt man die „Protagonisten“ kennen. Die Bilder an den Wänden zeigen die Räumlichkeiten von früher. Und die Mitarbeiter.

Anne Frank war mir immer irgendwie immer ein Begriff. Ihr Tagebuch* aber habe ich nie gelesen. Einen der Filme sah ich vor vielen vielen Jahren und es schien mir alles irgendwie unrealistisch. Ein Film eben. Vielleicht war ich auch einfach zu jung, um zu verstehen. Mit 12/13 hat man anderes im Kopf. 

isabella-blume-anne-frank-haus-museum-amsterdam-nl-netherlands-travelblogger

„Wie schön und gut würden alle Menschen sein, wenn sie sich jeden Abend vor dem Einschlafen die Ereignisse des ganzen Tages vor Augen führten und überlegten, was gut und was schlecht gewesen ist.“ – Anne Frank

Nach den Büroräumen betrat man das Zimmer mit dem Regal, das den Eingang zum Hinterhaus verdeckte. Aus keinem Fenster des Vorderhauses war es möglich, das Hinterhaus zu sehen. Eine Art Milchglasfolie auf den Fenstern ließ es nicht zu. Hinter dem Bücherregal führte direkt eine Treppe fast senkrecht nach oben.

isabella-blume-anne-frank-haus-museum-amsterdam-nl-netherlands-travelblogger3

Die Räume des Hinterhauses sind leer. Otto Frank, der als einziger überlebte, wollte es so, nachdem die Nazis alle Wohnungen, der deportierten Juden ins KZ, ausgeräumt hatten. Einzig nachgestellte Bilder und ein Model zeigt, wie es dort früher ausgesehen haben muss, neben Waschtisch, Toilette, Kamin und einigen Teilen von Annes beklebter Tapete, die im Original erhalten wurden.

Die Fenster des Hinterhauses waren komplett schwarz abgehangen. Tagsüber durften die Vorhänge von ihren Bewohnern kein Stück bewegt werden, um nicht aufzufliegen. Und das war der Punkt, an dem das Unwohlsein anfing. Kleine Räume, kein Blick nach draußen möglich und damit keine Orientierung und viele Menschen in den Räumen. Auch wenn keine Möbel mehr drin standen, die Räume waren zu klein. Wie zum Kuckuck können hier acht Menschen auf 50qm gelebt haben?

Mit dem ohnehin schon immer größer werdenden Kloß, ging es dann in den letzten Raum des Vorderhauses. In den Raum, der zeigte, was mit den Bewohnern des Hinterhauses passierte, nachdem sie ins KZ abtransportiert wurden. (Schoah) Original Unterlagen aus den KZs wurden ausgestellt mit Ankunftsdatum, Familie und wenn bekannt Todeszeitpunkt und -ursache.

isabella-blume-anne-frank-haus-museum-amsterdam-nl-netherlands-travelblogger2

Das Thema KZ ist noch mal son Ding für sich. Ich habe in den letzten Wochen das halbe Internet zu diesem Thema gelesen und wenn ich an all das denke, was sich dort abspielte, wird mir schlecht. Ich war nie in einem KZ. Ich dachte mal darüber nach, eines zu besuchen. Es gehört schließlich zur deutschen Geschichte und die kam in der Schule ziemlich zu kurz, war öde oder wurde dank Pubertät einfach nicht registriert. Mittlerweile bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob ich da noch hin möchte. 

Aus der Ausstellung heraus setzten wir uns ins Museumscafé, aßen Schokolade und schwiegen uns an. Irgendwie fehlten die Worte. Und auch wenn man vorher wusste, dass diese Geschichte kein Happy End hat; zu sehen wie Menschen leben und sterben mussten, weil fanatische Spinner eine andere Ideologie verfolgten, das rüttelt verdammt an der eigenen Pollypocket Welt und dem allgemeinen Weltbild, weil es einfach unwirklich erscheint. Unvorstellbar.

Es ist genau so unvorstellbar, wenn mir meine Oma erzählt, dass im 2. WK aus der Luft hinter ihr und ihrer Mutter her geschossen wurde, während sie übers Feld rannten um Schutz im Bunker zu suchen. Ich kann es mir nicht vorstellen. Wie sind Menschen zu so etwas fähig?

„Was geschehen ist, können wir nicht mehr ändern. Das einzige, was wir tun können, ist, aus der Vergangenheit zu lernen und zu erkennen, was Diskriminierung und Verfolgung unschuldiger Menschen bedeutet. Meine Meinung ist, dass jeder die Pflicht hat, gegen Vorurteile zu kämpfen.“ – Otto Frank 1970

Und mit diesem Zitat verabschiede ich euch ins aktuelle Zeitgeschehen.

Adresse: Prinsengracht 263-267, 1016 GV Amsterdam, Niederlande
Webseite: annefrank.org

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply Kathi 20. Februar 2016 at 9:13

    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich Anne Franks Tagebuch auch noch nie gelesen habe. Wir waren in der 6. oder 7. Klasse mit der Schule im KZ in Dachau und haben im Anschluss danach Schindlers Liste ansehen müssen. Ich hab das Ausmaß mit 13 nicht so ganz begriffen, musste aber irgendwann aus dem Klassenzimmer raus, weil mir so schlecht war, dass ich das Gefühl hatte, ich muss mich übergeben. Danach war ich irgendwie… für das Thema sensibilisiert, könnte man mal behaupten: Ich hab nämlich alles vermieden, was damit zu tun hatte. Vielleicht nicht die richtige Einstellung, aber damals das einzige, was für mich funktioniert hat… und jetzt, inzwischen, nachdem ich auch gereist bin, kann ich Rassismus (völlig egal in welcher Ausprägung) immer weniger verstehen, wenn er mir begegnet….

  • Reply Salaspils Memorial & Rigaer Ghetto | ISABELLA BLUME 15. Juni 2017 at 15:03

    […] und man weiß nicht, wie man sie einordnen soll. Vor über einem Jahr ging es für mich nach Amsterdam ins Anne Frank Haus. Dort in diesen furchtbar engen Räumen und schmalen, steilen Treppen hats mich dann irgendwie […]

  • Leave a Reply