Salaspils Memorial & Rigaer Ghetto

15. Juni 2017

Es gibt Themen, die sind nicht schön. Die sind da, man weiß, dass sie da sind und die können nicht einfach nur sein. Die werden entweder komplett aus den Gedanken verbannt oder sie sitzen ständig mit einer Präsenz im Hinterstübchen und man weiß nicht, wie man sie einordnen soll. Vor über einem Jahr ging es für mich nach Amsterdam ins Anne Frank Haus. Dort in diesen furchtbar engen Räumen und schmalen, steilen Treppen hats mich dann irgendwie umgehauen und die Bilder aus dem Haus schwirren mir noch immer im Kopf herum.

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Seit wir im vergangenen Jahr in Lettland waren, schiebe ich diesen Eintrag vor mir her. Weiß nicht, ob ich ihn überhaupt schreiben soll und wenn ja wie. Wie verpackt man das Gesehene ohne jemandem auf die Füße zu treten oder wie ein Eisklotz daher zu kommen?

Dann aber kommen aber die Gedanken wieder, die ich vor dem Trip nach Riga hatte. Ich habe mich sehr geärgert, dass ich über die Stadt einfach zu wenig erfahren konnte. Ich brauche meine Recherchen. Muss soviel wissen wie nur möglich und das im Vorfeld. Und ich hätte mir gewünscht, vorher mehr Infos zu bekommen. zB, dass es in Salaspils keine Toiletten gibt und Menschen wie ich, die mit einer Erbsenblase gesegnet sind, am besten drei Tage vorher schon anfangen nichts zu trinken, damit man den halben Tag nicht wie dullig rumhameplt, weil man nicht weiß wohin mit seiner Blase. (Und dort im Wald ist Wildpinkeln nu wirklich ein No-Go.) Ja, das sind Gedanken, die ich vorher habe… Heute erzähle ich euch etwas über das Salaspils Memorial, einer Gedenkstätte, auf dem Grund eines Konzentrationslagers und über das Rigaer Ghetto & Holocaust Museum und hoffe, dass ich damit jemandem, der genau nach diesen Infos sucht, ein bisschen helfen kann…

rigaer ghetto

Rigaer Ghetto & Holocaust Museum

Als Ghetto wurden abgeschlossene Wohngebiete bezeichnet, die man den Juden im 2. WK zuwies. Das Rigaer Ghetto Museum liegt nur ein paar Straßenecken vom richtigen Rigaer Ghetto entfernt. Auf dem Gelände des Museums stehen einige Relikte im Original oder nachgebaut. Tore, Kopfsteinpflaster, der Zugwagon…

rigaer ghetto

Original.

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Rekonstruktion.

Dieses zweistöckige Holzhaus war Teil des Rigaer Ghettos und wurde im 2. WK so ziemlich zerstört. Vor einigen Jahren wurde es von der Maza Kalna iela 21, dem eigentlichen Ghetto, an den jetzigen Standort des Museums gebracht und neu aufgebaut und rekonstruiert.

Im Untergeschoss des rekonstruierten Gebäudes befindet sich eine kleine Ausstellung von Miniaturgebäuden. Synagogen, Schulen, Wohnhäuser.. alle aus der Zeit und alle zum größten Teil zerstört, wie auf den dazugehörigen Bildern zusehen ist. Das obere Stockwerk beherbergt einige Originalstücke aus Haushalten aus der Zeit, sowie Bilder, Bücher und Briefe…
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In den umliegenden Gebäuden befinden sich zum einen Ausstellungen über den Holocaust selbst und sowie die Lampignonausstellung mit Einzelschicksalen von Menschen, zu denen man mehr Informationen herausgefunden hat. (Siehe Bild 1.)

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Tafeln mit Namen deportierter Juden aus Riga.

Infos

Anfahrt: Der Eingang des Museums liegt direkt an der Hauptstraße Krasta iela am Fluss Düna. Bei Recherchen vorher habe ich oft lesen müssen, dass das Museum schwer zu finden ist; dem ist eigentlich nicht so. Von Außen ist es sofort zu erkennen, wenn man daran vorbei läuft. Mit der Tram fährt man bis zur Haltestelle Turgeņeva iela und läuft die Straße in Richtung Fluss hinunter. Das Gelände ist von der Straße komplett einsehbar, daher nicht zu verfehlen. Ob es noch weitere Eingänge gibt, ist mir nicht bekannt.

Adresse: Maskavas iela 14A, Latgales priekšpilsēta, Rīga, LV-1050, Lettland (ieeja no Krasta ielas <– Heißt: Eingang von Straße Krasta iela (iela = Straße, Krasta = Küste))

Der Eintritt ist kostenlos.

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Salaspils Memorial

Wenn man den Bus von Riga aus nach Darzini nimmt, steigt man an der gleichnahmigen Endhaltestelle aus und läuft von dort aus nochmal gut 2 Kilometer durch den Wald zum Memorial. Ausgeschildert ist wenig bis garnichts, wenn man von dem einen kaum zu übersehbaren Hinweis absieht. Der Weg führt immer geradeaus, entlang der Vorfahrtstraße, über die vierspurige viel befahrene Landstraße (ohne Ampel) und über Bahngleise (mit Schranke), vorbei an einer kleinen Kapelle mit dazugehörigem Friedhof. Das ist alles. Ansonsten folgt man immer der Hauptstraße mitten durch den Wald. Die Menschen und Autos die wir getroffen haben, hätte man vermutlich an einer Hand abzählen können. Es ist schon ein komisches Gefühl, dort so alleine durch den Wald zu wandern. Zum Glück hat das Wetter mitgespielt. Blauer Himmel und ein paar Wolken machten es einfacher, sich nicht zu gruseln, vor allem mit dem Wissen im Hinterkopf, was in den Wäldern vor über 60 Jahren passierte.

salaspilsSalaspils wird nicht als Konzentrationslager wie Ausschwitz oder Dachau betitelt (laut Wiki), sondern wurde als Arbeitserziehungslager genutzt; was die Sache allerdings auch nicht besser macht und für mich im Grunde genommen ein und das  Selbe ist. Haben dort doch auch zu viele Erwachsene und vor allem Kinder ihr Leben verloren. Das Memorial liegt mitten im Wald, ruhig, fast idyllisch, wenn man nicht weiß, auf welchem Boden man da eigentlich grade steht. Macht man sich aber genau diese unvorstellbare Situation klar, traut man sich kaum noch, die Wege zu verlassen. Wir hatten Glück und waren fast alleine auf dem Gelände, wenn man die zwei Vollidioten weg lässt, die dort ein affiges Fotoshooting, alá Yolocaust veranstaltet haben.

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Das Memorial

Im Jahr 1967 wurde auf dem Grund des ehemaligen Lagers, ein Memorial errichtet. Die Skulpturen wurden von diversen Künstlern und Architekten erstellt. Skulpturen, die alle für etwas anderes stehen: die Mutter, Protest, Schwur, der Erniedrigte, der Unbezwungene, Rotfront und Solidarität. Die Zuordnung lass ich mit Absicht weg. Ich hab keine Ahnung und es wurde auch nicht in der Ausstellung angegeben, wer was darstellt. Einiges ist offensichtlich, anderes nicht.

Auf dem ganzen Gelände verteilt, befinden sich viele Gedenksteine an den Stellen, wo früher entweder Baracken oder Lager oder beispielsweise der Hinrichtungsgalgen gestanden haben. An einigen Gedenksteinen wurden neben Blumen auch Kinderspielzeug niedergelegt. Dort standen die Kinderbaracken.

Neben dem Vogelgezwitscher und dem Rattern der Züge hin und wieder hört man nichts, außer deinem dumpfen regelmäßigen Schlagen…

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Wenn man nicht weiß, was da schlägt könnte man es einem der Züge zuordnen, der über die Gleise bollert. (Schon ein bisschen makaber.) In Wirklichkeit sind es simulierte Herzschläge die aus einem in einen Marmorklotz eingelassenen Metronom stammen. Wenn man ganz genau hin hört, kann man die Schläge schon vor dem Tor im Wald hören.

In dem dicken Eingangs-Betonpfeiler befindet sich eine kleine Ausstellung, in der man spärlich etwas über das Lager früher und die Figuren heute erfahren kann. Allgemein gibt es aber recht wenig über das Gebiet früher und heute zu erfahren.

Oder ich muss meine Google-Skills ganz stark überarbeiten. 

Infos

Anfahrt: Salaspils kann man von Riga aus mit dem Bus erreichen. Es gab sogar organisierte Fahrten mit dem Reisebus direkt dort hin. Die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln/Bus sind da nicht ganz so angenehm, dauern vermutlich auch etwas länger, kosten aber um einiges weniger. Mit dem Auto/Reisebus fährt man gut 30 Minuten bis zum Memorial.

Anfahrt mit dem Bus/Zug: Von Riga aus fährt man mit der Linie 18 gut 45 Minuten bis zur Endhaltestelle nach Dārziņi. Von dort aus läuft man je nach Tempo nochmal 20-30 Minuten geradeaus durch den Wald. Die Fahrt mit dem Bus kostet hin- und zurück maximal 4 Euro. Ich habe in einigen anderen Berichten gelesen, dass man von Riga auch mit dem Zug dort hin fahren könne, allerdings habe ich da keine Verbindung gefunden und man läuft größtenteils über einen Trampelpfad durch den Wald. Fahrt mit dem Bus!

Adresse: Salaspils novads, Salaspils pilsēta, LV-2121, Lettland

Sonstiges: Keine Toiletten, keine Möglichkeit Getränke o.ä. zu kaufen, kostenlos.

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3 Comments

  • Reply Kathi 18. Juni 2017 at 9:52

    Ich finde schon, dass man über so etwas berichten kann. Wenn man es macht wie du, und eben nicht „Yolocaust“-mäßig. Ich habe neulich einen Artikel in der FAZ gelesen, dass sie in Auschwitz überlegen, Smartphones und Kameras komplett zu verbieten, weil Menschen in den Gaskammern und vor den Erschießungswänden Fotoshoots veranstalten. Ist mir völlig unverständlich. Oder wurden wir nur mit einem anderen Bewusstsein zur Thematik erzogen?

  • Reply finja 20. August 2017 at 15:59

    Ja, das ist schon alles etwas makaber. Ich stelle mir die Frage, wie wir es denn schaffen koenne, dass sich die Zukunft nicht wiederholt. Glaube, dass Plaetze wie diese sehr sehr wertvoll ist, dass die Menschheit sich erinnert.
    x finja ~ http://www.effcaa.com

  • Reply TravelGuide Riga: 48 Stunden in der lettischen Hauptstadt | ISABELLA BLUME 24. November 2017 at 10:21

    […] Holocaust Museum (kostenlos) […]

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